Bienenwesen von: C.H. Lankenau

Der Humorist Wilhelm Busch läßt den Imker Dralle durch den Nachbarn wecken:
"He he", der Nachbar lärmt:"He he, Dein Imme schwärmt."
Abgesehen davon, daß Dralle vor seinen Bienenhaus eingeschlafen ist, enthält dieser Satz zwei wichtige Aussagen, nämlich: Dein Imme und schwärmt.
Bevor ich auf das mir vorrangige Thema "Imme" erkläre, möchte ich vorab und nur kurz auf den Begriff "schwärmen" eingehen.
Schwärmen bedeutet nicht, daß die Bienen schön und fleißig fliegen. Es liegt in der Natur der Biene, daß sie fliegt, um Blüten zu besuchen und Nektar zu sammeln. Dies ist schlicht der Broterwerb der Bienen, an dem unter günstigen Bedingungen eine große Zahl von Bienen teilnehmen.
Der eigentliche Schwarmakt der Bienen erfolgt in den Monaten Mai, Juni und selten noch im Juli und nur in Notfällen in anderen Monaten. Hier nur kurz, das Schwärmen der Bienen ist der Vorgang der Teilung der Völkersubstanz zum Zweck der Vermehrung der Völker. Darauf werde ich an anderer Stelle eingehen.
Zuvor muß ich den Begriff "Dein Imme" oder "der Imme" oder "der Bien" erklären.
Bienenvölker werden als "Superorganismen" angesehen, weil sie zwar aus vielen Individuen bestehen, dennoch eine Einheit bilden, die sich nur durch Teilung vermehren kann. Mit anderen Worten, eine junge Bienenkönigin kann sich nicht einfach von Zuhause verabschieden, in die Welt hinausgehen und eine neue Familie (Volk) gründen. Das liegt daran, daß weder die Königin noch die zwei anderen Bienenwesen (Arbeiterin und Drohn), die ein Bienenvolk, oder den Bien (Imme) ausmachen, in der Lage ist, allein und selbständig zu überleben.

Welche drei Bienenwesen machen das Bienenvolk aus?

Die Königin als Mutter des Volkes
etwa 25 Drohnen als Väter des Volkes
mehrere bis viele tausend Arbeiterinnen.

Welche Eigenschaften haben diese Tiere?

  • Die Königin. Sie ist die Mutter des Volkes. Zwischen etwa dem 10. und 20. Tag Ihres Lebens ist sie zu Begattungsflügen ausgeflogen und wurde von mehr als 20 Drohnen begattet. (nicht befruchtet. Das weibliche Tier wird begattetet, das Ei, welches es hervorbringt, wird befruchtet). Eine erneute Begattung zu späterer Zeit ist nicht möglich. Danach beginnt die Königin, Eier in die Wabenzellen zu legen, bis ihr Spermavorrat verbraucht ist. Das kann bis zu fünf Jahre dauern. Wichtig ist, daß die Königin in der Lage ist, befruchtete und unbefruchtete Eier zu legen. Aus unbefruchteten Eiern schlüpfen Drohnenmaden. Die Königin kann nur Eier legen. Brutpflege und Sammeltätigkeiten beherrscht sie nicht.

  • Die Väter des Bienenvolkes sind die Drohnen, mit denen sich die Königin gepaart hat. Sie sind schon lange tot und existieren nur in Gestalt des Spermavorrates der Königin weiter. Der Lebenszweck der Drohnen ist nur auf das Ziel gerichtet, eine Königin zu begatten. Ist dieses Ziel erreicht, ist der Drohn nicht mehr lebensfähig und stirbt. Drohnen werden nur in den Monaten benötigt, in denen die Völker junge Königinnen hervorbringen. Das sind die Monate Mai, Juni und Juli. Danach werden die Drohnen aus den Völkern gedrängt. Sie kommen dann um, ohne ihren Lebenszweck verwirklicht zu haben. Der Zellkern die Bienen enthält 32 Chromosomen als Träger des Erbgutes. Drohnen haben nur einen halben Chromosomensatz . Da die Königin bewußt unbefruchtete Eier, die ja nur einen halben Chromosomensatz haben, legen kann, ist es ihr möglich, die Erzeugung von Drohnen auf die Monate April, Mai und Juni zu beschränken. Zu anderen Zeiten erzeugte Drohnen wären nur unnötige Fresser, die das Volk belasten würden, ohne ihm einen Vorteil zu bringen. Übrigens sind Drohnen "männliche" Tiere, die Anspruch auf den Artikel "der" haben. Es heißt also "der Drohn" und nicht " die Drohne".

  • Die Arbeiterinnen entstehen, wie auch die Königin, aus befruchteten Eiern. Die daraus entstehende Made hat alle Eigenschaften zur Entwicklung zur Königin oder zu einer Arbeiterin. Wie sie sich entwickeln ist abhängig von der Fütterung und dem Raum, der ihr zu ihrer Entwicklung zur Verfügung steht. Hierzu ein besonderes Kapitel. Die Arbeiterin übernimmt alle Aufgaben im Bienenvolk, von der Reinigung über die Madenpflege, Wach- und Baudienste, Honigbereitung und Sammelarbeiten. Sie kann fast alles, sogar Eier legen. Dies allerdings nur dann, wenn das Volk etwa 2 3 Wochen keine Königin bzw Königinnenmade hatte. Da die Arbeiterinnen aber nie begattet worden sind, stehen keine Spermien zur Befruchtung der Eier zur Verfügung, diese haben daher nur den halben Chromosomensatz, so daß aus ihnen nur Drohnenmaden schlüpfen. Das Volk ist dann drohnenbrütig und geht zugrunde, weil der Nachwuchs an Arbeiterinnen fehlt.

Aus diesen Ausführungen folgt, daß ein Bienenvolk aus diesen drei Arten von Bienentieren bestehen muß. Fehlen die Väter (Sperma alle), muß sich das Volk eine neue Königin schaffen (Die Bienen können das).Gibt es eine neue Königin, müssen Drohnen zur Begattung da sein.Und ohne Arbeiterin geht nichts.Die Vermehrung solcher Superorganismen ist nur durch Teilung möglich.Um Notzeiten, wie den Winter, zu überleben, legen die Bienenvölker Vorräte an. Auf diese Besonderheit ist die Lebensführung der Bienenvölker besonders angepaßt:
In den Monaten April, Mai und Juni legt die Königin besonders fleißig, um in der Zeit, in der die Blütenzahl am größten ist, viele Arbeitsbienen zur Nektarernte senden zu können. Es werden Vorräte für den Winter angelegt, weil im Winter in der Natur nichts zu holen ist. In dieser Zeit erwacht auch der Vermehrungstrieb bei den Bienen. Sie beginnen, ausgesuchte Maden zu Königinnen zu entwickeln. Dazu bauen sie den Wabenbau ein wenig um, denn die Königinnenmade benötigt mehr Platz als die Bienenmaden.
Während die Biene 21 Tage benötigt, um sich von der Eiablage zum schlüpfreifen Insekt zu entwickeln, schafft die Königinnenmade dasselbe in 16 Tagen. Die ist der besonderen Kost (Gelee Royal) zu verdanken, mit der ihre Made versorgt wird. Wenn der Schlupf der erste neuen Königin bevorsteht, macht sich diese bemerkbar. Der Imker erkennt ein gut hörbares "Tüten" im Bienenvolk. Die alte Königin und die Bienen können das Geräusch zwar nicht hören, nehmen es aber als Vibration des Wabenbaus wahr. Es ist das Signal für die alte Königin und einem Teil der Bienen, am nächsten Tag die Bienenwohnung als "Bienenschwarm" zu verlassen. Der Schwarm versammelt sich zunächst in der Nähe der alten Wohnung in einer "Schwarmtraube" um von dort eine andere Wohnung zu erkunden und einzunehmen.
Die Bienen vergessen im Schwarmakt, woher sie kommen.
Dem modernen Imker ist es gar nicht recht, wenn seine Bienen schwärmen, weil sowohl das abgeschwärmte Volk, als auch der Schwarm für die Honigernte ausfallen.
Er verhindert die Schwarmaktivität einmal durch Zucht einer schwarmträgen Biene und dadurch, daß dem Volk reichlich Raum unddadurch Gelegenheit gegeben wird, neuen Wabenbau zu errichten und neue Bienen zu erbrüten.
In unserer durch die moderne Landwirtschaft gestalteten Natur muß der Imker bereits in den Monaten April, Mai und Juni starke Leistungsfähige Bienenvölker haben, um eine Honigernte aus dem Löwenzahn, der Obstblüte und dem Raps zu gewinnen. Früher gab es diese Enten nicht in dem Maße. Die eigentliche Honigernte fiel in die Monate Juli und August. Bis dahin hatten die Bienenvölker nach dem Schwärmen noch Zeit, wieder Volksstärke zu gewinnen, um dann Honig einzutragen.
(Autor: C.H. Lankenau)